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 Angst aus der Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM)

„Wer Angst hat, verliert ...“ stand auf dem tiefer gelegten Wagen einer bayerischen Automarke, der mich letztens auf einer schmalen Nebenstrecke unter infernalischem Aufheulen seiner zu dick geratenen Auspuffrohre halsbrecherisch überholte.
Einen Moment überlegte ich, ob dieser junge Bursche hinter dem Steuer das Glück haben würde, ein Alter zu erreichen, das ihn die Einfalt seiner Einstellung und Fahrweise erkennen lässt.

Allerdings trifft dieser Junge mit seinem aufgeklebten Bekenntnis den Nerv unserer Zeit.
Der Ausdruck Angst ist sprachwissenschaftlich verwandt mit der Wortgruppe eng. Im lateinischen bezeichnet das Substantiv "angustiae" eine Enge oder Schwierigkeit. Damit ist es verständlich, dass Angst in unserer Gesellschaft einen schlechten Leumund hat. Wird doch heute trotz aller Schwierigkeiten immer wieder die Leichtigkeit des Lebens und seiner Joghurts, trotz der Enge der Städte, die Freiheit des einzelnen in Form von dach losen Autos beschworen.

Angst ist ein Gefühl, das man nicht zu haben hat oder zumindest gut verbergen sollte. Es liegt nahe, zu vermuten, dass Angst in unserer Gesellschaft nur deshalb hinweggeredet wird, weil sie im Übermaß regiert. Auch unser überholender Hilfsdesperado wird voll von Angst sein. Angst, dem Leistungsdruck unserer Gesellschaft nicht gerecht zu werden.


Angst als krankmachende Emotion

Jeder kennt das Gefühl der Angst. Meist tritt es auf, wenn wir auf etwas Unbekanntes, etwas Unwägbares treffen. Angst ist untrennbar mit der Zukunft verbunden. Vergangenes lässt nur dann Angst entstehen, wenn zu befürchten ist, es könne in der Zukunft wiederkehren. In dieser Ausrichtung liegt die Funktion der Emotion Angst, die nicht nur eine Berechtigung besitzt, sondern für den Schutz und Erhalt unserer Existenz unabdingbar ist. Ein angst loser Mensch ist den Gefahren des Lebens schutzlos ausgeliefert. Er wird unverhältnismäßig hohe Risiken eingehen und - früher oder später - Schaden an Leib und Leben nehmen. Angst macht uns vorsichtig, lässt uns innehalten, nachdenken und führt zu bedachtem Handeln.

Was aber nun, wenn Angst zu groß wird. Wenn sie beginnt, unser Leben zu dominieren und unser Handeln, das sich bestenfalls an ihr orientieren soll, gänzlich unter ihre Gewalt zwingt, behindert und in letzter Konsequenz verhindert? Dann ist aus dem ehemals Nützlichen etwas Krankmachendes geworden.

Übermäßige Angst in unserem Leben wird uns niederdrücken. Damit wird sie immer auch mit einer Depression im eigentlichen Sinne des Wortes einhergehen. Der Ausdruck Depression kommt vom lateinischen Wort „depressus“ und bedeutet soviel wie niedrig gelegen. Man könnte sagen, chronische Ängste legen das Energieniveau unseres Lebens tiefer - allerdings weniger im vermeintlich sportlichen Sinne des eingangs angeführten Automobils.

Eine Depression begünstigt ihrerseits auch die Entstehung von Angst. Angst vor dem Leben, das wir glauben, aufgrund unserer energetischen Erschöpfung nicht mehr meistern zu können.

In diesem Teufelskreis schaffen sich Angst und Depression gegenseitig einen Nährboden. Jede Behandlung ängstlicher oder depressiver Patienten wird in der Unterbrechung dieses Kreises ihr Ziel sehen.



Formen der Angst

Angst ist nicht gleich Angst. Ihr Spektrum reicht von Panik bis zum diffusen Unsicherheitsgefühl. Man hat Angst um etwas oder aber vor etwas. Angst kann sich psychisch-bewusst oder aber körperlich-unbewusst manifestieren. Viele körperliche Leiden können ihre Ursache in einer von uns ins Körperliche verschobenen Angst haben. Kein Wunder also, wenn uns unser Haus- oder Facharzt nach genauer Prüfung aller Laborbefunde mitteilt, wir wären körperlich gesund und unser Leiden sei wohl psycho-somatisch bedingt und damit für die technisch-medikamentöse Therapie nur schwer zugänglich. Unser Leidensdruck bleibt jedoch bestehen.

Die TCM bietet uns für die Therapie von Ängsten einen guten Ansatzpunkt. Warum?

Zunächst einmal rührt dies aus der Tatsache her, dass Chinesen, wie überhaupt Menschen asiatischer Völker, ihre Psyche sehr verbergen. Ausgedrückte Emotionen gelten in China als unfein. Angst, aber auch Wut, Trauer oder Freude werden der Umwelt höchstens in stark abgemilderter Form gezeigt und verschwinden meist hinter dem sprichwörtlichen Lächeln des Asiaten. Die Unterdrückung von Emotionen, in China seit Jahrtausenden kultiviert, führt beim einzelnen Menschen häufig zur psycho-somatischen Verschiebung der Symptome. D.h. eine psychische Ursache lässt den Menschen mit einer körperlichen Symptomatik reagieren. Die Chinesische Medizin war schon immer mit diesem Problem konfrontiert und hat deshalb große Erfahrung damit.

Ein weiterer Grund, TCM bei Angstsymptomen, seien sie nun psychisch oder körperlich, anzuwenden, ist die Tatsache, dass dort Angst ihrer Ausformung entsprechend den Funktionskreisen des Menschen zugeordnet wird. Was sind nun Funktionskreise? Anders als in der westlichen Medizin sieht die TCM organische Strukturen stets in ihrem funktionalen Zusammenhang. Dieser Zusammenhang besteht zum einen untereinander und andererseits in der Verflechtung der Ebenen Körper, Geist und Seele. Hat beispielsweise ein Mensch ein Problem des Funktionskreises Leber, so kann, wenn dieser Zustand lange genug anhält, auch das Organ Leber betroffen sein. Allerdings wird sich diese Störung, lange bevor sie sich organisch manifestiert, auch in anderen Funktionskreisen, die mit dem Funktionskreis Leber interagieren, zeigen. Der Mensch könnte beispielsweise Verdauungsbeschwerden, Kopfschmerzen, Augen- oder Unterleibsprobleme auf der körperlichen Ebene entwickeln. Auf der psychischen Ebene fiele er durch seine Gereiztheit und Impulsivität auf. Entscheidungsschwach würde er viele seiner gefassten Pläne nicht zur Umsetzung bringen.

Die Zuordnung aller Symptome eines Menschen zu einem oder mehreren Funktionskreisen ermöglicht nun eine gezielte Behandlung der Ursache mit den Methoden der TCM. Die individuelle Qualität der Angst wird dem Therapeuten dabei den Weg weisen. Wird im Folgenden von Herz, Niere usw. gesprochen, so ist stets der Funktionskreis und nie das isolierte Organ gemeint.



Die Angst des Herzens wird sich in Nervosität, Aufregung oder sogar Panik äußern. Sie geht mit körperlichen Symptomen wie Schlaflosigkeit, Herzklopfen oder Bluthochdruck einher. Viele so genannte Phobien, also ängstliche Überreaktionen auf an sich harmlose Alltagssituationen, sieht die TCM als Störung des Herzens. Auch Angst in sozialen Situationen wird häufig dem Herzen zugeordnet. In diesem Fall fehlt einem Menschen die natürliche Abgrenzungsfähigkeit. Alles geht ihm direkt „zu Herzen“, und vor den daraus resultierenden möglichen Verletzungen fürchtet er sich.

Die Angst der Niere ist eine undefinierbare, beklemmende Furcht, deren Ursache der Betroffene meist nicht genau benennen kann. Ein unheilschwangeres Gefühl, etwas Furchtbares könne sich ereignen. Diese Angst ist mit dem Gefühl zu vergleichen, das wir haben, wenn in einem Kinofilm, mitten in einer harmlosen Szene, unheilkündende, dramatische Musik einsetzt. Menschen mit Nieren-Angst leben ständig mit solcher „Begleitmusik“. Körperlich wird so ein Mensch schreckhaft sein und leicht zittern. Alles wird ihm zum Omen für eine düstere Zukunft. Er ist quasi sein eigener Untergangsprophet.

Die Angst der Leber ist oft nicht als solche zu erkennen. Sie äußert sich als emotionale und körperliche Anspannung. Der Betroffene wirkt gehetzt, empfindlich, übersensibel, oft sogar aggressiv. Entscheidungen fallen ihm schwer, er ist unsicher. Die Aufgabe des Funktionskreises Leber ist die Harmonisierung innerer wie äußerer Lebensprozesse. Übernimmt die Leber diese Funktion nicht, hat der Mensch Probleme, sich spontan und flexibel auf Lebensumstände einzustellen - Stress entsteht. Hält dieser Zustand an, wird der Betroffene Angst vor dem Leben und seinen Entscheidungen entwickeln. Hinzu kommt die Angst, Fehler zu machen. Die übertriebene Angst vor Fehlern ist jedoch das beste Mittel, eben diese zu produzieren. Leicht entsteht wieder ein Teufelskreis.


Die Angst der Milz zeigt sich als übertriebene Sorge. Der Betroffene bedenkt mögliche Probleme, die aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht eintreten werden. Ständig begrübelt er die Zukunft und verliert sich in einer Welt innerer Ängste und Sorgen. Im Extremfall haben diese Sorgen jeden Bezug zur Realität verloren und werden zur fixen Idee.

Die Angst der Lunge ist die Angst vor Verlust. Verlust von materiellen Gütern, Gesundheit oder nahe stehenden Menschen. Beherrscht diese Angst das Leben einer Person, wird ihr Handeln wieder den besten Nährboden schaffen, um den befürchteten Verlust früher oder später auch wirklich wahrscheinlich zu machen. Eifersucht beispielsweise findet häufig ihren Grund in dieser Form der Angst.

Natürlich wird Angst selten rein einem Funktionskreis zuzuordnen sein, sondern eine Mischform darstellen. Der Betroffene wird zusätzlich charakteristische körperliche Symptome zeigen, die dem Therapeuten ein genaues Bild der Zusammenhänge entwerfen und die die Angst so behandelbar machen.

Der traditionell chinesische Therapeut wird in der Regel das Problem von der körperlichen Seite her angehen. Hier bietet sich besonders die Akupunktur als Behandlungsmethode an. Gleichzeitig wird er dem Patienten spezielle Ernährungsratschläge erteilen. Auch im Westen setzt sich mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass sich Diätfehler auf psychischer Ebene manifestieren. Dabei ist es wichtig, zu wissen, dass es in der chinesischen Ernährungslehre mit wenigen Ausnahmen keine an sich guten oder schlechten Nahrungsmittel gibt. Es kommt ganz auf die Zuordnung der Störung an, ob ihr ein Nahrungsmittel entgegenwirkt oder sie vielleicht sogar unterstützt. So wird eine saure Speise eine Disharmonie der Leber in den meisten Fällen verschlimmern, während sie bei einer Ursache im Funktionskreis Herz in der Regel der Störung entgegenwirkt.

Neben diesen körperlichen Ansatzpunkten wird die Behandlung eines Angstpatienten natürlich auch die psychologische Ebene zu berücksichtigen haben. Die intensiven Gespräche zwischen Patient und Behandler, die zur chinesischen Diagnosestellung erforderlich sind, wirken oft auslösend auf Denk- und Erkenntnisprozesse des Patienten. Nach dem Motto „Allein der Vortrag nützt dem Redner viel“ wird der Patient durch die Darstellung seiner Probleme diese selbst besser in ihren Zusammenhängen verstehen und Ansatzpunkte zur Veränderung seiner inneren wie äußeren Situation gewinnen. Er wird erkennen, dass es nicht darum geht, die Angst zu besiegen, sondern darum, ihre Botschaft zu verstehen, um sie auf das ihr zustehende, gesunde Maß zu reduzieren.

Verfasser: ©Michael van Gorkom*, Heilpraktiker, Bad Reichenhall
spezialisiert auf Akupunktur und Traditionelle Chinesische Medizin, Chinesische Therapiebereiche Tuina (Chinesische Heilmassage), Qi Gong (Chinesische Bewegungslehre) und Chinesische Diätetik.
 
WEB: Heilpraktiker Michael van Gorkom,
Praxis für Chinesische Medizin, Akupunktur und chinesische Arzneimitteltherapie.

Foto: Petra Engeljehringer



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Angst ist ein Gefühl, das zum Leben dazugehört. Es schützt und warnt uns vor Gefahren. Aber was geschieht, wenn die Angst ihre natürliche Schutzfunktion verliert und plötzlich das ganze Leben bestimmt? Es gibt ein Sprichwort das heißt: Angst frisst Seele. Und wer unter Ängsten oder Phobien leidet weiß, dass große Angst die Lebensqualität tatsächlich stark beeinträchtigt. Viele Betroffene trauen sich aus Scham nicht, über ihre Ängste zu sprechen und fühlen sich ihr ohnmächtig ausgeliefert. Aber das muss nicht sein! Man kann an seinen Ängsten arbeiten. Die Doppel-CD "Angst - Jetzt besiege ich sie!" gibt Ihnen hilfreiche Informationen rund um das Thema Angst: Was ist Angst? Warum hat sich die Angst verselbstständigt? Was kann ich tun, um meine Ängste in den Griff zu bekommen? In der Entspannung erhalten Sie Suggestionen, die Sie anleiten und dabei unterstützen, an Ihrer Angst zu arbeiten.
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